Hildegard Schaefer

Biographie

Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide

Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.

Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz

Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.

Vom 15.05.2024

©Hildegard Schaefer

Strukturwandel

Er setzte sich wortlos an den Tisch, nahm den Löffel in die Hand und wartete. Seine Oma stellte die Erbsensuppe vor ihm hin und sagte: „Schon wieder Wochenende, wie die Zeit vergeht. Bald bist du erwachsen.“ Sie vermied jede Berührung, sie wusste, er mochte das nicht.

Sein Großvater trat ein und dröhnte: „Tach, Junge, wollen wir heute Nachmittag wieder Fahrrad fahren?“

Kevin nickte. Sein Opa fuhr immer am Wochenende mit ihm, da es das einzige war, was er mit seinem Enkel machen konnte.

Oma war da anders. „Ich habe wieder ein paar Umschläge mit Papierschnipseln für dich fertig gemacht, ist diesmal viel violett und beige dabei. Sie liegen schon auf dem Stubentisch.“

Er bemerkte das resignierte Aufseufzen seines Opas. „Was willst du nur mit diesen Mosaik-Bildern anfangen, ist doch brotlose Kunst und wie viel Zeit dabei draufgeht. Oma knipst sie und du machst sie dann wieder kaputt. Kein Mensch interessiert sich für gepixelte Häuser, jeder denkt doch dass es eine schlechte Foto-Auflösung ist, aber gut, wenn‘s dir nur Spaß macht.

Kevin verschwand nach dem Essen in das Wohnzimmer. Er sah die Umschläge. Aus dem Schrank holte er noch weitere und ordnete die kleinen viereckigen Papierstücke akribisch der Farbskala nach an den Seiten des großen, rechteckigen Tisches. Er entspannte sich, griff tief in sein Inneres und schloss die Augen. In diesen Momenten lebte er, schützte seinen Verstand vor den Fluten der Welt um ihn herum. Indem er ihn in kristallenen Strukturen ordnete. Er ließ die Hände ihr Eigenleben führen und wie immer wusste er nicht, welches Bauwerk er legen würde. Es waren immer nur Häuser, Bauwerke, niemals etwas Lebendiges.

„Was ist, Kevin, wollen wir los?“ Er wurde aus seiner Versunkenheit gerissen und öffnete die Augen. „Mann, das ist endlich mal was anderes. Ein Portrait und dann auch noch von mir. Und so genau getroffen , selbst mein lila Fleck auf der Nase ist zu sehen. Oma, komm mal her, mach da man gleich ein Bild von, der Junge hat endlich mal was Richtiges zu Stande gebracht.

„Sofort, lass mich erst zu Ende bügeln, dann komm ich.“

Kevin starrte entsetzt auf das Gesicht seines Großvaters, das, von ihm geschaffen, vor ihm auf dem Tisch Lag. Er hielt sich den Kopf, das Hämmern war kaum noch  auszuhalten.“Ich kann nicht, Opa, du musst alleine fahren.“

„In Ordnung, Junge, das war bestimmt anstrengend und das ganz ohne Foto. Aus dem Kopf. Mit geschlossenen Augen. Mannomann, das is‘n Ding. Ich fahr dann alleine ins Dorf, trink n‘ Kaffee beim Bäcker. Bis dann, Tschüß.“

Kevin konnte es nicht fassen. Er betrachtete jedes einzelne quadratische Viereck, das die Hände ohne sein Wissen gelegt hatten. Gesichter waren für ihn eine formlose Masse, er konnte die Menschen nur aufgrund ihrer Stimmen auseinanderhalten. So also sah sein Opa aus. Das Formlose war der reinen Form gewichen. Jedes Viereck lag akkurat neben dem anderen. Tropfen aus seinen Augen fielen auf das Gesicht vor ihm. Er schrie – es tat so weh. In seinem Kopf entstand eine Öffnung, er versuchte ihn mit den Händen zusammenzuhalten, wollte verhindern, dass die Kristalle auseinanderfielen und ihn in zermalmendes, ungeordnetes Chaos stürzten.

Schmerz, unendlicher– Zerstörung – die Auflösung der Form.

Mit zitternden Händen wischte er die Papierteile vom Tisch, bis alle auf dem Teppich lagen. Er konnte nur noch wimmern. Er hielt die Hände vor den Augen, um nichts mehr sehen zu müssen.

Es klingelte Sturm. Er hörte die Stimme der Nachbarin. „Vorm Bäcker ein LKW, ja, man hat ihn gleich ins Krankenhaus gebracht.“

Kevin hörte nicht mehr hin, er wusste, was geschehen war.