Hildegard Schaefer

Biographie

Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide

Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.

Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz

ACHTUNG:

Alle 4 Wochen eine neue Geschichte

© Hildegard Schaefer 2/24

Murmelspiele

Der Anruf erreichte mich an meinem letzten Arbeitstag. „Hast du heute Abend schon was vor, Valentino?“ Ich war gleich auf 180. Nur wenige Menschen wissen, dass ich so heiße, ich nenne mich Tino, einfach nur Tino.

„Melanie, was willst du“, bellte ich ins Telefon. „Oh Tino, habe ich dich schon wieder an deiner Achillesferse getroffen“, flötete sie ins Telefon. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, heute ist ja dein Ehrentag, der 14.2. Und nicht nur deshalb rufe ich dich an. Es gibt da noch eine Person, die heute ihren Geburtstag feiert, Tina, wie sinnig, ha, ha. Sie wird dreißig, und sie will ihn ganz traditionell als unverheiratete Frau feiern, da darf ich auf gar keinen Fall fehlen, werde ich schließlich auch im nächsten Jahr.“

„Wie schön für dich, dass du auch unverheiratet den 30sten feiern möchtest. Wärst du bei mir geblieben, dann hätten wir uns bestimmt getraut. Aber du musstest ja unbedingt den mit dem Porsche nehmen.“

„Wer weiß, wer weiß“, ihre Fröhlichkeit war einfach nicht zu bremsen, „vielleicht heiratet mich der mit dem Porsche doch noch, aber heute ist er jedenfalls in New York und kommt erst nachts mit dem Flieger zurück. Ich werde ihn dann um drei Uhr abholen und es wäre Quatsch, vorher zu schlafen. Außerdem will ich unbedingt zu dieser Party, nur eben nicht alleine. Also, jetzt zum Punkt: Kommst du mit? Wir sind ja schließlich Freunde geblieben, und es ist vielleicht auch für dich einmal ganz nett, so eine Feier zu erleben. Geschenk habe ich schon besorgt“.

Seitdem ich erwachsen bin, habe ich meinen Geburtstag nicht mehr gefeiert. Valentinstag! Alles in den Geschäften ist mit roten Herzen verbrämt und ich hasse rote Herzen. Vielleicht habe ich eine Valentinstag-Phobie, gut möglich. Ich habe auch noch nie einer Frau Blumen zu diesem Tag geschenkt, es gibt ihn einfach nicht für mich, ich habe ihn verdrängt. Und diese Tina, ob die auch so gestört ist wie ich?

„Du hast sicher etwas typisch valentinstagiges als Geschenk, ihr Frauen steht ja auf so was.“ „Gut, dass du das ansprichst“, gluckste sie ins Telefon, „diese Tina ist da wohl ähnlich gestrickt wie du. Auf keinen Fall Blumen oder Herzen, das hat sie auf die Einladung geschrieben und dabei noch dick unterstrichen. Ich habe mir etwas Nettes einfallen lassen, sie bekommt von mir diese kleinen Glaskugeln. Und das ist mit ein Grund, warum ich dich bitte, mitzukommen. Es sind zwei recht große, schwere Steingefäße, die ich mit diesen Murmeln gefüllt habe, du kennst sie bestimmt aus der Jugendzeit, damit hat doch jeder gespielt. Du ein Steingefäß, ich ein Steingefäß, die gab’s leider nur als Duo. Was meinst du, kommst du mit? Nette Leute kennenzulernen ist für dich bestimmt gut, du hast ja nur die Arbeit im Kopf.“

„Habe ich nicht“, wurde ich laut, „ab heute habe ich Urlaub. Ganze drei Wochen lang.“

Für einen Moment war das Telefon still. Melanie sprachlos zu erleben, ließ meine Laune ansteigen.

„Urlaub, du?“ klang es ungläubig aus dem Telefon. „Wie ich dich kenne, holst du dabei versäumte Arbeit nach.“

Ich fühlte mich ertappt. Genau das hatte ich vor. Und wenn dann noch etwas Zeit übrig blieb, wollte ich an die Ostsee fahren. Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt. J

Jetzt klang sie triumphierend: „Dann kannst du ja morgen ausschlafen, eine Feier zum Urlaubsanfang ist doch toll,besonders für dich, du bist ja ein richtiger Einsiedler geworden.“ „Also gut, ich mache dir den Gefallen, du lässt mich ja doch nicht in Ruhe. Gib mir die Adresse, wir treffen uns dann dort.“

Die Party war in vollem Gange, als wir ankamen. Ich wurde als Tino und als Ex-Freund vorgestellt und Tina nahm mich zur Begrüßung herzlich in den Arm. Sie schien ein nettes Mädchen zu sein. Vor allem sah sie Melanie sehr ähnlich, die beiden hätten Schwestern sein können. Die Steinkrüge kamen bei der Gastgeberin gut an und wurden erst einmal im Flur auf den Boden gestellt. Nirgendwo waren Blumensträuße zu sehen, es gab keine roten oder andersfarbigen Herzen, ich atmete auf.

In einem Nebenzimmer musste sie dann unter dem Gejohle der Gäste Klinken putzen, die vorher jemand mit Fett eingestrichen hatte. Ich war überrascht, diese Geburtstage hatten eine ganze Industrie zum Blühen gebracht, denn diese Türklinken waren auf einer Holzplatte festgeschraubt und wurden bestimmt gegen Gebühr entliehen. Dann musste sie noch Babywäsche waschen, aufhängen, und einen Männerstrumpf stopfen. Nach jeder dieser Aktionen gab es einen Schnaps.

Es war eine schöne Feier, und kurz vor drei Uhr waren nur noch wir, Melanie, Tina und ich in der Wohnung. Melanie verabschiedete sich und animierte mich, noch einmal am Büfett zuzuschlagen, damit Tina nicht so schlagartig alleine wäre. Wollte sie mich etwa verkuppeln? Dass ihre Freundin momentan Single war, hatte ich sehr wohl mitbekommen. Wir beide gingen dann tatsächlich in die Küche und wunderten uns, dass Melanie so lange brauchte, um sich anzuziehen, denn erst nach einer ganzen Weile fiel die Tür ins Schloss.

Nachdem wir beide aufgegessen hatten, entstand eine gewisse peinliche Stille. Sagte ich schon, dass ich schüchtern bin?

Ich verabschiedete mich dann mit einem Wangenkuss von ihr und sie ging mir voraus in den Flur zur Garderobe. Plötzlich schrie sie auf und ruderte mit den Armen in der Luft. Dann fiel sie mit dem Allerwertesten auf den Boden, der Knöchel darunter war verdreht. Sie schrie weiter. Um sie herum kugelten Glasmurmeln, es war noch zu sehen, dass jemand ein großes Herz aus diesen Kugeln geformt hatte. Melanie! Was hatte sie sich nur dabei gedacht! Wo wir beide, Tina und ich, doch diesen ganzen Herzen Zirkus so hassen.

Der Knöchel hatte etwas abgekommen, ganz eindeutig. Sie humpelte zum Sofa, nachdem sie mit meiner Hilfe aufgestanden war. Ich wusste, was zu tun war. Sie erklärte mir, wo ich das Coldpack im Gefrierfach finden konnte und einen kleinen Hocker, dann lagerte ich ihr Bein hoch. Wir sahen wir uns ratlos an. „Hast du ein Auto vor der Tür?“ Ich nickte. „Kannst du mich bitte ins Krankenhaus fahren?“ Ich nickte.

Es stellte sich heraus, dass die Knöchelkapsel angerissen war. Sie bekam Gehhilfen mit und den guten Rat, einen Verwandten oder ihren Freund zu bitten, sich die nächste Zeit bei ihr einzuquartieren. Man schaute mich dabei an. Ich nickte. Schließlich hatte ich jetzt drei Wochen Urlaub, der kann doch auch nutzbringend verbracht werden, dachte ich mir.

Um auf den Punkt zu kommen: Wir beide haben unsere Phobie in diesem Jahr geheilt. Melanie und ihr Mann, der mit dem Porsche, sind unsere Trauzeugen. Wir treffen sie morgen, am 14.2. auf dem Standesamt. Nach der Trauung geht es zum Essen in ein Restaurant. Auf unseren Wunsch hin wurde es mit vielen roten Herzen und roten Rosen geschmückt. Es ist schließlich Valentinstag.