Oma Hildegards merkwürdige Geschichten?

Hildegard Schaefer

Biographie

Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide

Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.

Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz

Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)

© Hildegard Schaefer 15/07/202

Auf dem Schützenfest

Gertrud schob sich das Keilkissen unter den gut gepolsterten Po und ließ sich seufzend auf den Stuhl fallen. Luise schmunzelte. „Du warst also endlich beim Orthopäden. Ja, ja, wir werden alle nicht jünger. Wie lange ist es jetzt her, dass du aus unserem Dorf weggezogen bist?“ 

Gertrud überlegte: „Ich glaube, 40 Jahre. Ich kenne inzwischen auch kaum noch Leute hier. Wenn du nicht immer  eisern zum Schützenfest anrufen würdest und mir Bett und Frühstück bietest, hätte ich wohl vollkommen den Kontakt zu meiner Heimat verloren.“ Sie schaute neugierig auf die Paare, die mit Beginn der Musik auf die Tanzfläche strömten. „Und, gibt es was Neues? Du warst ja schon gestern hier im Zelt, da wurde dir bestimmt der neueste Tratsch erzählt, oder?“ 

Anna grinst, „ und nicht nur das, ich war live bei einer Prügelei dabei, da schau, da kommt Meier Junior, der seiner Verlobten den Spaß nicht gönnte. Man sieht noch seine Kampfspuren, er hat ein mächtiges Veilchen. Jetzt sind sie wieder auf der Tanzfläche und sie spielt die blonde Unschuld. Aber gestern, wie sie dem anderen da in den Armen lag… tz, tz,tz.“ 

„Etwa Gemüsebauer Meier sein Sohn? Der hat ja ganz schön was zu vererben. Da wäre ich als seine Verlobte aber nicht so leichtsinnig.“ 

„Du kennst Martens Junior nicht, in seinen Armen lag sie und der sieht genauso gut aus wie sein Vater.“ 

Gertrud seufzte: „Ich erinnere mich, bei dem wurde jede schwach, ich übrigens auch.“ 

„Ist mir bekannt“, erwiderte Luise und zog die Augenbrauen hoch, „bist du nicht sogar seinetwegen in die Großstadt gegangen?“ 

„Erinnere mich bloß nicht daran. Ich habe lange gebraucht, bis ich merkte, dass er bloß ein Schürzenjäger ist – ich dachte tatsächlich, er meint es ernst.“ 

„Sein Sohn ist ähnlich, hinterlässt gebrochene Herzen am laufenden Band. Beuteschema: blond, blauäugig. Deine Anja würde ihm bestimmt gefallen.“ 

„ Ach Anna, meine Tochter hält nicht viel von Männern, eine böse Erfahrung reicht ihr. Da ist sie übrigens, steht an der Bar und lässt sich grad‘ den Sekt schmecken. Na ja, sie muss heute nicht mehr fahren, danke nochmal, dass du ihr eine Liege in mein Zimmer gestellt hast, so lernt sie unser Schützenfest auch einmal kennen. Solche langen Strecken fahre ich nicht mehr alleine.“ 

Die Paare verlassen die Fläche, teilen sich auf in Sektbarbesucher oder gehen zurück an die Tische. 

„Als ob die Zeit stehengeblieben ist“, meinte Gertrud. „In der Stadt gibt es solche Veranstaltungen nicht mehr. Zum Glück hat Anja eine Tanzschule besucht obwohl sie das bei diesen Dorfbands nicht bräuchte.“ 

„Sag das nicht, die hier können ganz schön was. Da, jetzt kommt sogar ein Walzer.“ 

Etwas zögerlich füllte sich die Fläche und Luise sagte aufgeregt. „Da, Anja mit Meiers Sohn, seine Verlobte kann das wohl nicht tanzen.“ 

Nach dem Walzer folgte ein Tango und Luise knetete die Hände. „Der geht aber ran, und Anja lässt sich das auch noch gefallen, liegt wohl am Sekt.“ Plötzlich richtete sie sich kerzengrade auf. „Na, wenn das nicht…“ 

Gertrud sprang auf, das Keilkissen fiel auf den Boden: „Was ist denn los, warum…“ Luise setzte sich hin und meinte lapidar: „Nun weiß sie, wie es sich anfühlt. Die Verlobte mein ich. Gestern baggerte sie und heute baggert ihr Meier Junior. Sie hat deiner Tochter gerade eine gescheuert, die Ohrfeige war nicht von schlechten Eltern. 

„Setz dich wieder hin, Gertrud. Zum Glück hat Michael die peinliche Situation gerettet und die beiden tanzen den Walzer weiter, als ob nichts geschehen wäre. Meier Junior und seine Verlobte stoppeln sich da was zusammen, bleiben aber auch eisern auf der Tanzfläche, als ob nichts geschehen wäre. Anja und Michael tanzen, wie es dieses Zelt lange nicht gesehen hat. Und die Band auch nicht, sie klatschen.“ 

„Luise, wer ist das denn, der diese böse Szene gerettet hatte und so gut tanzen kann?“ Luise seufzte, „na wer wohl, über wen haben wir gerade gesprochen? Michael Martens, und wie es so aussieht, ist er gerade dabei, ein neues Opfer zu finden. Jedenfalls gehen die beiden jetzt in die Sektbar. Und du bleibst hier schön hier sitzen“, hob sie das Keilkissen auf.