Hildegard Schaefer
Biographie
Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide
Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.
Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz
Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)
© Hildegard Schaefer 15/09/202
Leonardos Alien
Der Mann ihr gegenüber schaute interessiert zu, wie sie die verschiedenen Bestandteile des Essens an den Tellerrand schob: Pilze, Mais, kleinste Stückchen Ananas. Die Portion, die sie langsam und vorsichtig aß, wurde immer kleiner. „Entschuldigen Sie, wenn ich so neugierig frage. Mögen sie weg geschobenen Sachen nicht oder können Sie sie nicht vertragen?“
Elinor warf einen schnellen, abschätzenden Blick auf den älteren weißhaarigen Herrn, der ihr ein so gütiges Lächeln schenkte, dass sie ihre Bedenken beiseite schob. Bei diesem Vortrag mit anschließendem Bankett waren nur Ärzte geladen. Eine befreundete Chirurgin überließ ihr die Einladungskarte mit den Worten: „Vielleicht hilft dir das weiter, mich interessiert Gastroenterologie nicht so besonders.“
„Ich vertrage das alles nicht, obwohl ich es sehr gerne essen würde“, meinte sie zwischen zwei Bissen. „Sind sie Gastroenterologe?“, fragte sie den Mann.
Er reichte ihr wortlos eine Visitenkarte über den Tisch. Hektor Minnen, Institut für gastroenterologische Forschungen. Die Karte war mit einem keltischen Bandmuster umrahmt: Linien, die aussahen, als würden sich drei Schlangen umeinander schlängeln.
Elinor las die Anschrift und schaute ihn überrascht an. „Das ist in meiner Stadt, ich kenne die Straße. Ich habe noch nie von Ihnen gehört. Sind sie erst kürzlich dorthin gezogen?“
„Nein, aber meine Mitarbeiter und ich arbeiten meist ohne Patienten. Wir forschen überwiegend. Und sie sind hier aus fachlichem Interesse oder aus persönlichem, vermute ich, wenn ich ihr Stochern im Essen so beobachte?“
Elinor seufzte tief: „Ich gehöre zu den Patienten, an denen sich die Magen-Darm-Spezialisten die Zähne ausbeißen. Deshalb bilde ich mich privat weiter. Wenn sie wüssten, was ich schon alles ausprobiert habe. Gehen Ihre Forschungen in Richtung Naturheilkunde? TCM, Homöopathie, hören sie auf Medizinmänner oder beschränken Sie sich auf die Schulmedizin?“
„Wir gehen verschiedene Wege, es gibt da so manches zwischen Himmel und Erde…“, räusperte er sich. „Wie lange haben Sie ihr Leiden denn schon?“
Elinor hatte das Gefühl, dass sich endlich jemand mit aufrichtigem Interesse für ihre jahrelangen Darmbeschwerden interessierte. „Viel zu lange“, platzte es aus ihr heraus, „ich glaube, bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Nichts hilft mehr, alle meine konsultierten Ärzte beschränken sich nur noch darauf, die Schmerzen zu lindern.“
Er schaute sie fest an: „In unserem Institut studieren wir gerade einen viel versprechenden Ansatz, etwas ungewöhnlich allerdings, aber wir wären nicht abgeneigt, einen Probanden zu bekommen. Überlegen Sie sich in aller Ruhe, ob Sie dazu bereit wären.“
Bereit wären, bereit wären, ihr Herz hüpfte vor Freude. Sollte es doch etwas geben, was ihr helfen könnte?
Dem Termin zwei Tage später fieberte sie entgegen. Beinahe wäre sie an dem kleinen Haus vorbeigelaufen, das von der Straße aus nicht einsehbar war. Auch das kleine Schild neben dem Klingelknopf fiel nicht auf. Es bestand aus Messing, um den Institutsnamen war das bekannte Band eingraviert.
Herr Minnen öffnete freudig das abgeschlossene Tor. „Ich glaube, Ihnen kann ebenso geholfen werden wie mir damals. Wir haben die Sendung heute Morgen bekommen.“
Sie folgte ihm in ein kleines Zimmer, schaute sich um. Erstaunt betrachtete sie ein großes Terrarium, das den Raum beherrschte. Eine gelb-blau fluoreszierende Schlange lag regungslos auf einer Astgabel und fixierte sie, nachdem sie Platz genommen hatte.
„Ein ungewöhnliches Hobby für einen Mediziner. So ein Wesen habe ich noch nie gesehen, aber solche Tiere liegen mir auch nicht.“ Sie schüttelte sich leicht.
Herr Minnen betrachtete sie besorgt: „Sie sagten doch, die Schulmedizin und alle anderen Versuche hätten Ihnen nicht geholfen?“ Er machte eine lange Pause und Elinor schaute ihn irritiert an.
„Luzie kann das vielleicht“, setzte er sich hinter dem Schreibtisch.
„Wer ist Luzie?“ Ein kurzes Nicken zu der Schlange hin ließ sie erschreckt zusammenzucken. „Wie meinen Sie das?“
„Ich bitte Sie, mir ohne Vorbehalte zu glauben. Eine von Luzies Art hat mir geholfen, ich bin jetzt gesund und nicht nur das. Erinnern Sie sich an die Schlange im Paradies? Sie versprach Erkenntnis, wenn…“ er hielte inne, fasste ihren Blick und ließ ihn nicht los „man sie isst.“
„Iih, wie eklig, da wollen Sie dieses arme Tier töten – außerdem war es der Apfel von Baum der Erkenntnis, nicht die Schlange.“
„So sagt man, man sagt so vieles wenn man etwas nicht versteht. Ich kann Sie beruhigen, das Tier braucht nicht zu sterben.“
„Und wie soll man sie essen? Oder habe ich mich da verhört?“
Es sprudelte aus dem Mann heraus, er wirkte nervös: „Mit einer leichten Betäubung bekommen Sie gar nichts mit. Luzie findet den Weg durch die Speiseröhre in den Darmtrakt von ganz allein. Sie ist ja auch nicht so groß. Und dort geht sie eine Symbiose mit Ihnen ein, sie verändert sich sogar so, dass sie fast ein Teil des Darmes wird – sie werden nie wieder Probleme haben. Mir ist auch so geholfen worden.“
„Sie haben so ein Ding im Bauch, das kann ich nicht glauben!“ Elinor schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht, dann stand sie auf. Entrüstet starrte sie auf die Schlange, die ihre Position verändert hatte und nun zu einem Kreis aufgerollt lag. Der zierliche Kopf in der Mitte hatte keine erkennbare Mundöffnung. Die Augen – es waren nicht die Augen einer Schlange. Es waren schöne, goldfarbene Pupillen mit dem gleichen Ausdruck von Güte, wie sie Herr Minnen besaß, der sie jetzt flehend anschaute.
„Sie braucht Wochen, bis sie mit Ihnen verschmilzt. Es gibt nur noch so wenige von ihnen. Sie werden es nicht bereuen, sie profitieren davon, es ist kaum zu beschreiben, dieses Gefühl des Einsseins. Die Erkenntnisse strömen Ihnen nur so zu.“
Leicht spöttisch warf sie ein: „Ach ja, Leonardo da Vinci hatte also auch so einen Alien?“
Verstimmt erwiderte er: „Vielleicht, durchaus möglich. Ich muss Ihnen noch sagen, dass es eine gewollte, freiwillige Beziehung sein muss und zwar von beiden Seiten. Könnte ja auch sein, dass Luzie sie ablehnt.“
Kopfschüttelnd und enttäuscht verließ sie ohne ein weiteres Wort das Haus. Das Tor war offen und auf der grauen, staubigen Straße empfing sie die heiße Schwüle des Nachmittags. ‚Da bin ich so einem Spinner aufgesessen, schade, er machte wirklich einen sympathischen Eindruck. Und diese Schlange, ein merkwürdiges Wesen’ sinnierte sie. Elinor wurde still und langsam perlte eine Stimme wie Wassertropfen in ihr Bewusstsein: „Schade, wir hätten uns gut verstanden. Du gefällst mir. Beim nächsten Schub wirst du an mich denken. Ich hätte dir helfen können.“
Sie fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und blieb stehen. Lange blieb sie stehen. Es begann prasselnd zu regnen, sie merkte es nicht. Ein tiefer Atemzug, es roch nach feuchter, warmer Erde. Langsam drehte sie sich um und ging mit entschlossenen Schritten zurück.
