Hildegard Schaefer
Biographie
Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide
Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.
Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz
Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)
© Hildegard Schaefer 15/04/202
Ansteckungsgefahr
Nicole sah ihren Sohn Daniel am Türrahmen in der Küche lehnen.
Er stöhnte: „Ich kann leider nicht mit zur Oma fahren, ihr müsst mich entschuldigen.
Es geht mir gar nicht gut, Magenkrämpfe, Zittern und so, aber Fieber habe ich nur ein
bisschen …“
„Wieviel ist ein bisschen?“ Sie unterbrach das Aufräumen des Frühstückstisches und
schaute ihn besorgt an. „ Knapp 39, aber mit ein bisschen Bettruhe ist das bestimmt
bald besser. Mach mir noch einen Kamillentee, und dann werde ich einmal richtig
ausschlafen. Vielleicht habe ich mir gestern auf der Geburtstagsfeier von Michael
was eingefangen.“
Horst, sein Vater, trat zu den beiden, er war mit dem Beladen des Autos fertig
geworden. „Na, will unser 15jähriger Pubertätsknabe blaumachen? Du hättest eben
früher nach Hause kommen können.
„Ach Horst, lass ihn in Ruhe. Es war ja schließlich mit Michaels Eltern abgemacht,
dass sie alle nach der Party zu Hause abladen. Dass das so spät wurde, damit
haben wohl alle nicht gerechnet. Ich hatte mich noch mit ihm unterhalten, da machte
er einen fitten Eindruck.“
Daniel hustete. „Vielleicht war was mit dem Essen, da hört man doch heutzutage so
viel darüber. Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß bei Oma. Wir sehen uns ja
morgen Mittag wieder, dann bin ich wohl über den Berg. Montag muss ich ja wieder
gesund sein. Wir schreiben eine Arbeit.“
Ihr fiel auf, dass seine Lippen seltsam blass waren, auch seine Stirn war nass. Sie
machte ihm den Tee, dann verabschiedeten sie sich von ihm.
Die Fahrt zu ihrer Oma dauerte zwei Stunden, deshalb war es üblich, dass sie alle
dort in Nicoles Kinderzimmer übernachteten. Und immer gab es ein schweres
Mittagessen, ein gehaltvolles Kaffeetrinkern, ein opulentes Abendmahl. Die
Großmutter freute sich stets, die ganze Familie um sich zu haben.
Dieses Mal war alles anders.
Sie befanden sich auf den Heimweg. Nicole meinte: „Dass meine Mutter einen
Freund hat, hätte sie uns doch auch vorher sagen können. So war die Überraschung
jedenfalls perfekt. In ihrem Alter! Ich dachte, sie sei bereits jenseits von Gut und
Böse.“
„Ja, so kann man sich täuschen.“ Ihr Mann schmunzelte. „Er macht einen netten
Eindruck, ich gönne den beiden das späte Glück. Hoffentlich denkt sie jetzt nicht,
dass du deshalb so schnell nach Hause wolltest, um das zu verdauen. Dabei ist ihr
Freund doch ein netter Typ.“
„Pah, verdauen! Aal zum Abendbrot. Ich bin ja wohl auch nicht mehr die Jüngste. Ich
dachte schon, vielleicht habe ich mir wie Daniel irgendeinen Virus eingefangen.
„Kamillentee ist bestimmt noch da, dein Söhnchen hat bestimmt nicht alles
weggetrunken,
„Was heißt hier Söhnchen“, fragte sie spitz. „Ich kann mir doch wohl Sorgen um ihn
machen, er ist ja schließlich noch ein Kind. Und mit Magenschmerzen ist nicht zu
spaßen, du hast ja selbst gesehen, wie blass er um den Mund war.
Sie fuhren in die Einfahrt zu ihrem Haus. Im Schlafzimmer brannte schwaches Licht.
„Hast du das Licht angelassen, Nicole?“ Er drehte sich zu ihr und bemerkte ihr
erstauntes Kopfschütteln,
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Sie öffneten die Eingangstür. Horst deutete Nicole an, in die Küche zu gehen und zu
warten, er schlich sich zur Schlafzimmertür.
Nach ein paar Minuten kam er lächelnd zurück. „Schatz, du hast dir umsonst Sorgen
um unseren Sohn gemacht. Er hat sich nur im Bett geirrt. Und mit ihm ein junges
Mädchen, ich habe sie jedenfalls kichern gehört. Als ich eben lauschte, habe ich
leider nur Wortfetzen verstanden, aber die haben mir alles gesagt. Dass ihr
Schminkstift die blassen Lippen machte, dass das Wasser auf der Stirn krass wirkte
und das Fiberthermometer unter warmes Wasser gehalten wurde um 39 Grad
anzuzeigen. Auf alle Fälle ist er putzmunter und ich glaube, wir sollten ihn nicht
stören.“
„Horst, er ist doch noch ein Kind! Und dann im unserem Schlafzimmer.“ Nicole
sprang empört auf.
„Kind stimmt nicht mehr, Mann allerdings auch noch nicht. Er ist im Moment
irgendwas dazwischen. Aber er hat ein Recht auf eigene Erfahrungen, denke ich.“ Er
zog Nicole am Arm und setzte sie sich auf den Schoß. „Die Frage ist doch vielmehr,
Schatz, was wir mit dem Rest der Nacht anfangen.“
„Du meinst, dass wir ihn einfach so alleine lassen können?“ Sie bemerkte ein Glitzern
in seinen Augen und ließ sich von ihm hochheben und umarmen.
„Du wolltest doch schon immer mal im Hotel „Zum Schillerplatz“ übernachten wenn
ich mich recht erinnere und hattest Skrupel weil man doch am Ort wohnt. Dann tut
man so was nicht, sagtest du. Darf ich dich also herzlich einladen, mit mir eine Nacht
im Hotel zu verbringen?“ Überrascht schaute sie ihn an, er meinte es wirklich ernst.
Und sie fand seine Idee wunderbar.
Leise schlichen sie aus dem Haus es hatte angefangen zu regnen. Sie zogen ihre
Jacken über die Köpfe und rannten wie alberne Kinder kichernd zum Auto.
