Hildegard Schaefer
Biographie
Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide
Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.
Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz
Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)
© Hildegard Schaefer 15/03/2026
Frisör-Latein
„Guten Tag, Frau Buchenholz, was kann ich für Sie tun?“ Katharina kannte die Dame, die schwungvoll an den Tresen des Friseurstudios trat. Sie war die Inhaberin des Buchenholz-Verlages, der zwei Straßen weiter seine Büroräume hatte.
„Ich habe einen Termin bei Herrn Münch, ich glaube 10 Uhr.“
„Oh, das tut mir leid, Herr Münch ist leider erkrankt. Möchten Sie mit mir vorlieb nehmen oder warten Sie lieber darauf, dass er wieder gesund wird? Wir würden Sie dann verständigen.“
„Das ist schade, ausgerechnet heute.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Na gut, Sie sehen mir so aus, als ob Sie auch genügend Erfahrung besitzen, um mit meinem Haar umzugehen.“
Katharina schaute in den Terminkalender und bemerkte: „Er hat sie ganz richtig um 10 Uhr eingetragen, aber er hat ihren Namen falsch geschrieben. Hier steht Frau Buchholz.“
Die Angesprochene bekam plötzlich eine Zornesfalte auf der Stirn. „Buchholz stimmt, den anderen Namen musste ich mir zulegen, weil der Name Buchholz-Verlag schon vergeben war. So eine kleine Stadt in der Nordheide hatte ihn vor uns. Und das, obwohl ich doch Buchholz heiße. Anwalt, einstweilige Verfügung und dann gab ich klein bei. Buchenholz ist auch nicht schlecht, dadurch haben wir ein schönes Logo bekommen, der kleine Holzstapel mit den brennenden Flammen darüber – passt doch gut zu unserem Portfolio. Wo soll ich hin?“
„Unser Lehrling wird ihnen die Haare waschen, in ein paar Minuten bin ich bei ihnen.“
„Ich bin ja noch nicht lange bei Ihnen hier in diesem Geschäft, aber hier bringt es mir am meisten Spaß; das haben sie nicht zuletzt ihrem Kollegen zu verdanken,“ erzählte die ;Kundin beim Platz nehmen. „Diese spannenden Geschichten von Herrn Münch, tz, tz, tz.“
„Herr Münch erzählt Ihnen spannende Geschichten?“, wunderte sich Katharina. „Ja, obwohl er doch noch relativ jung ist, hat er schon eine Menge erlebt. Vor allem während seiner Ausbildung in München, da muss es ja hoch her gegangen sein“, kicherte Frau Buchholz. „Alleine schon die Geschichte im ersten Lehrjahr, wo er sich vor den Avancen der Damen kaum retten konnte. Er war es bis dahin ja gewöhnt, dass immer angenommen wird, männliche Frisöre seien schwul, und auch über diese Angebote konnte er einiges erzählen, aber am spannendsten war doch die Geschichte von dieser Rothaarigen mit dem eifersüchtigen Ehemann, der immer neben ihr auf dem Stuhl Platz nahm um ja nichts von der Unterhaltung zu verpassen, die sie mit Herrn Münch führte“.
Katharina schwieg. Hubert Münch hatte seine Lehre mit ihr zusammen in diesem Hause absolviert, sie hatten sogar kurzzeitig ein kleines Techtelmechtel gehabt. Von so einer Geschichte mit dem eifersüchtigen Ehemann hatte sie noch nie gehört.
„Ach, und das hat er Ihnen einfach so erzählt? Eigentlich erzählen doch eher die Kunden ihr halbes Leben.“
„Ja, aber bei Herrn Münch ist es anders. Das ist auch ein Grund, warum ich ihn fragen wollte – und zwar gerade heute – ob er sich uns als Autor zur Verfügung stellen möchte. Wir haben doch so eine Serie laufen, vielleicht haben Sie schon davon gehört. Nein?, schade. Alltagsgeschichten der verschiedenen Berufe. Wir haben schon den Altenpfleger, den Fensterputzer und Herr Münch mit seinen spannenden Frisörgeschichten würde gut dahinein passen. Köstlich auch die Szene mit der reichen Dame, die auch den Hund von ihm frisieren lassen wollte. Wenn er diese Geschichten nicht selber zu Papier bringen möchte; wir hätten jemand, der als Ghost-Writer für ihn schreiben könnte. Falls er Angst vor Stil- oder Rechtschreibfehlern hat, wir haben ein erstklassiges Korrektorat und Lektorat, Sie sehen, er ist bei mir in guten Händen.“
„Das glaube ich Ihnen gerne, die Kollegen in unserem Haus sind natürlich begierig zu erfahren, was er über sie schreibt, es gibt doch da ebenfalls eine Menge Interna, hat er Ihnen darüber auch erzählt?“
„Na ja, er meint, das wären nur Geschichten aus seinen anderen Wirkungsstätten, er möchte es sich vorsichtshalber mit niemanden hier im Haus verscherzen. Damit bin ich auch auf der sicheren Seite, sie wissen schon, Datenschutz, Einwilligungserklärungen einholen usw. Erleichternd ist für unseren Verlag natürlich auch, dass er in verschiedenen Ländern seine Stationen hatte. Wenn man das noch ein bisschen anonymisiert, kann uns gar nichts passieren, dass wir jemanden die Persönlichkeitsrechte verletzen.“
Katharina atmete tief auf. „Das beruhig mich, Frau Buchenholz, denn natürlich gibt es auch bei uns ein kleines bisschen Klatsch und Tratsch – das sollte nicht nach außen getragen werden.“
„Versteht sich doch von selbst. Wir werden nicht nur die Personen, auch die ganzen Örtlichkeiten anonymisieren, und wenn er will, kann er auch unter Pseudonym schreiben.“
Katharina lag der Vorschlag eines Namens auf der Zunge, doch sie konnte sich gerade noch beherrschen. Egal, ab heute würde der feine Herr Münch bei ihnen im Salon Hubert von Münchhausen heißen. Aber sie würde sich hüten, der Kundin die Wahrheit zu erzählen. Was tut man nicht alles fürs Geschäft.
