Hildegard Schaefer
Biographie
Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide
Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.
Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz
Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)
© Hildegard Schaefer 15/10/2026
Wie geht es mir nach der Wahl
Claudia hatte zu ihrem Geburtstag eingeladen. Die engere Verwandtschaft nur, als da waren: Ihr Mann Peter, Bruder Tobias, die Schwestern Hannelore und Elena, letztere mit ihrem Freund Rolf, ihre Mutter Ilse, ihren Vater Georg. Mit diesen 8 Personen war es in der Stube warm geworden, und der Alkohol floss reichlich. Zu später Stunde schlug Tobias plötzlich vor, doch die Wahlergebnisse im Fernsehen anzuschauen. Claudia wollte sagen, dass es doch schließlich ihr Geburtstag sei, da hatte der Fernseher nicht zu laufen, doch Tobias drängte: „Ich will doch auch in die Politik gehen, meine Partei bewegt hier im Ort so einiges und es sind nette Leute dort.“
„Geh‘ doch zum Fußballverein, da sind auch nette Leute“, warf sein Vater ein. Und was heißt, deine Partei bewegt was, das Einzige was sich bei deinen Chefs dort bewegt sind die Bankkonten, die sind doch alle bestechlich. Zeige mir einen Politiker, der sein Schäfchen nicht ins trockene bringen möchte.“
Hannelore ergänzte: „Na ja, du hast ja bei der letzten Wahl zum Bürgermeister mitbekommen, wie teuer das für die Kandidaten gewesen ist. Entweder wurde der Wahlkampf von den Parteien finanziert oder das eigene Vermögen ging dabei drauf. Die Zeitungsanzeigen – du weißt doch, Papa, wie teuer die sind. Alleine die Traueranzeige für deinen Bruder hat ein Loch in deine Finanzen gerissen. Und dann die ganzen Plakate, das Buchen der Hotels und anderer Orte um sich dem Volk zu zeigen, die Sozialen Medien müssen gepflegt werden. Das kostet auch. Internet ist nicht nur umsonst. Und die Zeit für den Wahlkampf kann die arbeitende Bevölkerung doch gar nicht aufbringen, es sei denn, sie sind Rentner oder Beamte oder reich. Und wer hat, will mehr. Ich kann das alles nicht mehr hören, die Diskussionen mit den Freunden, Kollegen und auch noch im Fitnessstudio. Wen wählst du denn, ach den, der ist furchtbar, wähle doch lieber den …. Und dann geht es los, jeder hat seinen Senf dazu zugeben. Mach den Fernseher aus, Tobias. Ich will an manchen Orten doch nur entspannen und nicht auch noch mit Politik zugetextet werden. Früher, oder gibt es das noch?“ schaute sie fragend in die Runde. „Da hatte das Fernsehen, das Radio nur echte Nachrichten gesendet. Heutzutage kann doch niemand mehr kontrollieren, ob das in den Medien nicht alles Lügen sind.“
Der Vater Georg warf ein: „Das hast du früher doch auch nicht gewusst, auch da wurde schon immer manipuliert. Die Menschen sind so, alles Krieger, schon immer gewesen. Früher wurden missliebige Frauen als Hexen verbrannt, unter Hitler machte man Jagd auf Juden und entartete Künstler, die Geheimdienste haben wahrscheinlich mehr Macht als die amtierende Regierung, denkt nur an den Rubicon Skandal und das aktuelle Geschehen. Überall Schläfer, Agenten und Spione, selbst die Smartphones hören alles mit, auch wenn sie harmlos ausgeschaltet herum liegen. Und die Stasi tarnte sich als beste Freunde um die sog. Feinde des Systems einzubuchten, abzuschieben oder ihnen alle Möglichkeiten zu nehmen um in deinem sozialistischen Staat ein Bein auf die Erde zu bekommen, nicht wahr, Ilse“, schaute er seine Frau an.
Sie schüttelte den Kopf. „Aber wir hatten es doch gut, es gab Arbeit für alle und vor allem keine Ausländer.“
Georg schaute sie erstaunt an. „Natürlich hattet ihr die kommunistischen Brüder im Land, das waren auch Fremde, ihr musstet euch mit denen arrangieren. Vielleicht entstand oder schwelte da schon der Fremdenhass, der in mancher Partei sogar zum Wahlprogramm gehört. Deutschland den Deutschen, wenn ich das schon höre. So fing es damals auch an – und wir haben nichts aus der Geschichte gelernt.“
Peter schaltete sich ein. „Ich glaube inzwischen sogar, dass es fast egal ist, wer an die Macht kommt. es gibt so viele Staaten auf der Welt, jeder will ein Stück vom Kuchen des anderen haben, und dann erfindet man irgendeine Geschichte, damit das Volk aufspringt und Krieg will. Irgendwo rumst es immer – vermindert auf alle Fälle eine Bevölkerungsexplosion, auf Krankheiten, Pandemien, Naturkatastrophen kann man sich inzwischen auch nicht mehr verlassen. das bringt nichts. Wenn es jedem gut gehen würde, hätte man nur so viele Kinder, wie man ernähren kann, aber es geht eben nicht jedem gut und Sex ist Opium fürs Volk.“
„Religion, Religion ist Opium fürs Volk“, unterbricht ihn Elena. „Und die Kreuzzüge und die anderen Kriege im Namen jeder Religion haben ja auch eine Menge dezimiert, da fallen die paar verirrten Terroristen heutzutage gar nicht mehr ins Gewicht. Weil eben niemand die Bibel richtig gelesen hat.“ Claudia warf ein: „Ich habe mal davon gehört, dass, wenn es in einem geschlossenen Raum zu viele Ratten gibt, dann steigt die Aggression aber zum Glück auch die Homosexualität. Hannelore, du willst deine Freundin heiraten, ihr werdet wahrscheinlich keine Kinder haben, das zeigt es doch schon.“ „Apropos Heiraten“, Elenas leise Stimme war kaum zu hören. „Rolf und ich wollen auch heiraten und wir wollen viele Kinder haben, wie es die Bibel sagt. Er kennt sich nämlich damit aus, er ist Zeuge Jehova.“ Das Schweigen, das daraufhin entstand, brach der Großvater indem er den Artikel 1 der Menschenrechte zitierte:
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“
„Ne, Ne, Ne“, warf Peter ein. „Das war so was wie ‚keiner darf diskriminiert werden aufgrund des Geschlechts, der Ethnie, der Hautfarbe, des Glaubens‘ oder so ähnlich. Wo hast du denn diesen Artikel her?“
Der Vater seufzte. „Wenn man schon mal die KI fragt, dann darf man ihr auch nicht glauben. Oh Gott, in was für einer Welt leben wir eigentlich?“
