Oma Hildegards merkwürdige Geschichten?

Hildegard Schaefer

Biographie

Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide

Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.

Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz

Sie schreibt uns alle 4 Wochen eine neue Geschichte.
(um den fünfzehnten des Monats)

© Hildegard Schaefer 15/01/2026

Godfather has connected

 „Meggie!“, wild klopfte Susan an die Tür ihrer Freundin: „Hier, dieser Brief hier, ist das nicht fürchterlich?“ „Komm erst mal rein, du bist ja völlig aufgelöst.“ „Das soll ich wohl auch sein, hier, lies!“

Nach ein paar Minuten hob Meggie den Kopf und flüsterte „ Das kann dein Stiefvater doch nicht machen, wo sollst du denn hin?“ „Er hat die Villa verkauft, ich muss raus. Nicht nur, dass er gekniffen hat, als sein Sohn, mein Halbbruder, so schwer krank war, und dann ist er nicht mal zur Beerdigung gekommen.“

Meggie nahm sie in den Arm und drückte sie, dann setzte sie Kaffee auf. „Ja, ich habe das alles hautnah mitbekommen. Auch deine Verzweiflung, als deine Mutter gestorben war. Schlimm war das alles.“

Susan brach in Tränen aus. „Wenn Florian nicht gewesen wäre, wer weiß, was ich mir angetan hätte. Und dann die Abi Prüfung – ein Jahr hatte ich ja schon in Sandgesetzt – dieser Druck, dieser Stress – ich stand nur noch neben mir.“

Die Freundin schaute sie mitleidig an: „So viel hast du schon ertragen. Wie sieht es aus, könntest  du mit Florian zusammenziehen oder ihr wohnt bei seinen Eltern?“

„Er wollte sie heute besuchen und fragen  und auf dem Rückweg einkaufen. Ich hab‘ ihm mein letztes Geld gegeben, meine Waisenrente. Ich war beim Arbeitsamt, muss ja zusehen, dass ich irgendwie etwas verdiene und zwar schnell. Studieren kann ich mir jedenfalls abschminken.“

Meggie setzte sich ihr gegenüber und fasste ihre Hände. „Hast du schon mal von dieser neuen App gehört? Vielleicht wäre das was für dich. Da gibt man an, was man so alles an Hilfe braucht; ich glaube, drei Einträge sind nur erlaubt und im Gegenzug muss man angeben welche Hilfen man selber geben kann. Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert, aber meine Mitbewohnerin schwärmt davon, das soll eine supersoziale App sein, auf die die Welt gewartet hat, sagt sie, funktioniert ähnlich wie so ein Datings Portal.“

„Danke für den Kaffee, Meggie, ich geh jetzt nach Hause – solange ich es noch habe ha ha ha, .Florian wird wohl schon da sein, ich habe Hunger.“

Als sie die Tür öffnete, fröstelte sie. Warum war es so kalt? Florian konnte es gar nicht warm genug haben. Wo war er bloß? Ihr Magen knurrte und sie schaute in den Kühlschrank. Gähnend leer. Ein Blatt Papier lag darin: „Susan, tut mir alles irgendwie leid. Es ist vorbei mit uns. Deine ewige Traurigkeit, wer kann das schon aushalten? Ich jedenfalls nicht. Ich wünsche dir viel Glück für dein weiteres Leben. Tschüss.“

Sie warf den Zettel auf den Boden und trampelte darauf herum. „Wer kann das schon aushalten?“, schrie sie, „ein Freund, ein Lebensgefährte kann das – ich dachte, du wärst so einer. Billig untergekommen bist du, mehr nicht. Das wolltest du wohl nur.“

Sie stolperte in den Keller – irgendwo war doch noch eine Flasche Cognac. “Alkohol ist der Retter in der Not“, schrie sie den Songtext heraus. „Er ist jetzt der einzige  Retter für mich“. Sie warf sich auf das Sofa und schenkte sich ein Wasserglas voll brauner Flüssigkeit ein. Auf you tube wollte sie sich Sänger und Text dieses Liedes anschauen, doch dann blieb sie an einem Clip hängen:. „Big father has connected“, und sah eine alte Frau und einen zerzausten Teenager fröhlich in die Kamera schauen. „Hey friends, hier sind wir. Olga und ich, Boris. Hätte nicht gedacht, dass wir hier landen, nachdem wir beide die App bestückt hatten. Soll ich euch mal sagen, was ich angegeben habe? Ich suchte eine alte Person, die den Krieg erlebt hat und darüber mit mir redet, eine, die mit mir in das Draußen-Museum hinter Harburg geht und das Leben dort noch von früher kennt und dann wollte ich unbedingt einmal Steckrübenreintopf essen. Krass für so einen Nerd wie mich, nicht wahr? Dafür bot ich an: Smartphone Support, Computerunterstützung und Hilfe beim Einkaufen.“ Er schaute Olga auffordernd an und sie lächelte in die Kamera: „Passte alles bei uns. Wem kann ich vom Krieg erzählen, wer interessiert sich dafür, wie wir früher gewohnt haben und wem kann ich ein traditionelles deutsches Gericht kochen. Dafür brauchte ich Hilfe beim Smartphone, beim PC und beim Einkaufen. Und so habe ich Boris kennengelernt, mitten auf der Straße hat es wie Kirchenglocken geläutet und dann kam diese sonore Stimme „Godfather has conncected“. Und weil es auch noch ein Losverfahren gibt und einige Hotels dabei mitmachen, haben wir dieses Wellness-Wochenende hier gewonnen“, sie blinzelte fröhlich in die Kamera.

Susan bekam einen Schluckauf, ihr Magen brannte. Schön für die beiden, aber für sie war das ja wohl nichts, trotzdem installierte  sie die App und las, dass sie drei Hilferufe absetzen könnte. Sie lachte bitter auf: „SOS natürlich und eine Wohnung bräuchte ich und natürlich ‘ne Arbeit wo ich Geld verdienen kann, egal welche. Was ich geben kann? Ich kann nichts, ich bin nichts, ich kann nur eines geben Liebe, Liebe, und nochmals Liebe, doch das will wohl keiner von mir haben“. Sie dachte an ihre Mutter, die nur einen Ausweg wusste – den Sprung von der Brücke. In den Fluss – in einer kalten Januarnacht. Jetzt war es wieder kalt und Susan verließ das Haus. Sie steckte das Smartphone in die Jeans und warf sich eine dünne Jacke über. Sie musste den Kopf frei bekommen und begann zu laufen. Über die Wiese, durch den Wald, das Vogelgezwitscher war ihr noch nie so aufgefallen. Sie krümmte sich vor Seitenstechen. Ach ja, Frühling wird’s bald, keuchte sie, sie säen nicht, sie ernten nicht aber der Herr ernährt sie doch. Waren das die Vögel oder Lilien? Egal, sie jedenfalls  musste für das tägliche Brot selber aufkommen und das ohne einen Euro in der Tasche. Sie lief wieder auf die Straße, einige hundert Meter noch und sie hatte die Brücke erreicht. Diese Brücke. Ihr war übel und sie erbrach in das dunkle, träge fließende Wasser. „Mama, was hast du dir dabei gedacht? Dein Sohn tot, dein Mann weg aber ich, ich war doch da, ich habe dich doch geliebt – warum hast du mich verlassen – ich hätte dich so gebraucht!“ Sie starrte hinunter in das Dunkle und wusste plötzlich, wie sie all ihre Sorgen mit einem Schlag loswerden könnte. Sie legte das Smartphone auf das Brückengeländer, zog Schuhe und Jacke aus und stellte sich auf den schmalen Rand des Geländers. Nur eine Person weiter weg schaute in ein Schaufenster. Sie wusste, dass sie nicht gut schwimmen konnte, aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Sie ließ sich fallen. Es klingelte, nein, es läutete laut: “Godfather has connected!“, Oh Gott, und sie hier im Wasser, die letzte Chance auch noch verpasst, sie war eben ein totaler Verlierer, das hatte sie schon immer gewusst. Sie schlug um sich, schluckte Wasser, tauchte wieder auf und sah jemanden, der in das Wasser sprang. Endlose Sekunden, dann packte sie jemand und zerrte sie an das Ufer. „Mensch, was bist du denn für eine! Lebensmüde, nicht wahr? Gehört dir das Handy auf dem Brückengeländer? Ich hab meines danebengepackt, das hörte ja gar nicht mehr auf zu läuten.“ Er atmete tief durch. Was machen wir jetzt? Wo wohnst du?“ Schlotternd gab sie ihm ihre Adresse und er nahm die beiden Handys an sich. Zu Hause suchte sie warme Kleidung und eine Wolldecke für sich und auch für ihren Retter. Victor wollte er genannt werden. Er zündete den Kamin an, stellte die Heizung höher und rief den Pizza-Dienst an, nachdem er in den Kühlschrank geschaut hatte. Mit zwei Tassen heißen Tees in der Hand setzte er sich zu ihr. „Riechst ganz schön nach Alkohol, hast dir Mut angetrunken, nicht wahr? Und jetzt zu Godfather – was hast du angegeben – ach, brauchst mir nicht zu sagen, sehe ich ja auf meinem Smartphone. Aha, SOS, das passt, ich wollte Schwimmunterricht geben. Wohnung – ja, ich hab‘ eine freie im Mehrfamilienhaus, da waren Mietnomaden drin, da brauche ich wen, der die Sauerei wegmacht. Dafür gibt’s dann natürlich Geld – passt doch. Und was wolltest du geben? Oh, dreimal Liebe, sonst kannst du nichts geben? Und ich war immer auf der Gewinnerseite. Ich habe diese App als Witz angesehen, aber ich suchte Liebe, Frau und Kind – das fehlt mir jedenfalls zu meinem Glück. Aber wir müssen doch nicht gleich heiraten und ein Kind kriegen, oder wie siehst du das?“ Susan hielt die Hände um die warme Teetasse gepresst und sagte leise: “Ich lebe, habe ich eine Wohnung und Arbeit, und jetzt lass uns erst einmal Tee trinken und dann weitersehen.“