Hildegard Schaefer

Biographie

Hildegard Schaefer wurde 1949 in Lauenburg geboren und lebt seit 1954 in Buchholz / Nordheide

Seit 2003 istsie Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt ist sie Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, hält Lesungen, gibt Workshops und ist mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.

Hildegard ist Mitglied in der AWO-Buchholz

ACHTUNG:

Alle 4 Wochen eine neue Geschichte

©Hildegard Schaefer

Winternde, brasilianisch

Nur noch wenige Minuten bis zur Landung in Hamburg. Erich Riemann bedauerte das Ende des Fluges, denn die beiden exotischen Frauen hatten ihn gut unterhalten. Zwei äußerst hübsche, brasilianische Tänzerinnen auf dem Weg zu ihrem Engagement in Hamburg.

„Warum waren sie über Weihnachten in Brasilien und nicht bei ihrer deutschen Familie?“, fragte ihn Dolores.

„Mein Sohn ist verwitwet und hat zu dieser Zeit keine gute Laune. Der Bruder meiner verstorbenen Frau lud mich ein, und ich habe gerne seine fröhliche Familie besucht.“

Von den beiden erfuhr er, dass sie die Tanzkostüme selber geschneidert hatten. Sie waren arbeitslos geworden, beide Freundinnen zur gleichen Zeit. Dolores arbeitete in Sao Paulo in einem Büro, Maria in einem Kindergarten. Tangotanzen war ihr Hobby und nachdem sie ein Visum erhielten mit „Erwerbstätigkeit gestattet“ wollten sie in Hamburg ihr Glück versuchen, Sie zeigten ihm stolz die Visitenkarte ihres Agenten, Inhaber einer Künstleragentur in Hamburg. Die Adresse war nicht in der besten Gegend, dachte er. Aus einem Impuls heraus revanchierte er sich, indem er Maria seine Visitenkarte überließ. „Ich wünsche Ihnen beiden einen angenehmen Aufenthalt in Hamburg, wie kommen sie ins Hotel?“

„Wir werden um 18 Uhr von der Agentur abgeholt, wie Sie spricht auch unser Mann dort perfekt portugiesisch.“

Hamburg empfing sie mit gleißender Helle. Es hatte geschneit. Die beiden Frauen ließen mit lautem Jubel die ersten Schneeflocken ihres Lebens auf der Zunge zergehen und hüpften wie kleine Kinder im Kreis herum. Erich betrachtete die nackten Beine unter den bunten Röcken, die dünnen Blusen und die Baumwolljacken, die dieser Temperatur auf keinen Fall gewachsen waren.

„Und was machen sie bis 18 Uhr?“ Er wollte ihnen gerade empfehlen, sich etwas Wärmeres zum Anziehen zu kaufen, als Dolores zu Maria meinte. „So kalt habe ich mir Hamburg nicht vorgestellt. Was machen wir jetzt? Neue Sachen können wir erst nach den ersten Auftritten kaufen. Lass uns in der Flughafenhalle warten.“

„Ich möchte ihnen gerne helfen, ich lade sie zu mir nach Hause ein, dort kann ich ihnen einen heißen Tee machen und warm ist es dort auch. Ich habe die Sachen meiner  Frau noch nicht entsorgt, sie hatte in etwa ihre Figur, vielleicht ist dort etwas dabei, was sie anziehen können.“

Er bat die beiden ins Haus, drehte die Heizung auf und setzte Teewasser auf. „Was wohl der Taxifahrer gedacht hat“, fragte er lächelnd die beiden. Nach dem heißen Tee führte er sie in das Zimmer seiner Frau. Er hatte dort nichts verändert, nur ein gerahmtes Zitat von Gertrud von le Fort hatte er aufgehängt und er las es leise auf Deutsch  vor: „Alles was man gemeinhin Vergangenheit nennt, ist im Grunde nur eine leiser und dunkler gewordene Art von Gegenwart.“

„Sie haben ihre Frau wohl sehr geliebt“, fragte ihn Dolores nach einer langen Pause, „erzählen Sie uns bitte, wie Sie sie kennen gelernt haben?“

„Es war in München, mein Vater drängte mich, ihn zu begleiten. Er war dort zu einem Symposium eingeladen. ‚Dort lernst du viele interessante Menschen kennen‘, sagte er mir. Ich muss gestehen, dass meine vorherige Beziehung in die Brüche gegangen war und ich Frauen seitdem aus dem Weg ging, ich überlegte sogar, ins Ausland zu gehen. Bianca war die Tochter eines Geschäftsfreundes und mein Vater nahm sie am Arm und führte sie zu mir. ‚Darf ich dir diese bezaubernde Frau vorstellen, mein Sohn? Was soll ich sagen, seitdem glaube ich an Liebe auf den ersten Blick.

Der große Kleiderschrank gab freigiebig seine Schätze her. Ausgestattet mit warmen Wintermänteln, Mützen, Hosen, Stiefeln und sogar Handschuhen stapften die beiden ins Wohnzimmer zurück, wo der Hausherr auf sie wartete.

„Die Stiefel sind etwas zu groß für mich“, meinte Maria, aber ich habe ein Paar warme Socken mehr angezogen. Wir sind so froh, sie getroffen zu haben, denn diese Kälte konnten wir uns zu Hause nicht vorstellen. Herzlichen Dank Ihnen und ihrer Frau.“

„Ach gern geschehen, sie hat immer gerne gegeben und wäre froh, Landsmänninnen helfen zu können“, seine Stimme krächzte und er wischte sich verstohlen über die Augen. „Wir können einen Winterspaziergang machen“, schlug er vor. „Wir können runter zur Elbe gehen, da sehen sie bestimmt viele Schlitten, der Schnee ist hoch genug.“ Ein junges Pärchen ließ auf ihren Schlitten fahren, als sie erfuhren, dass die beiden das erste Mal einen Winter erlebten. Kinder lieferten ihnen anschließend eine Schneeballschlacht und auch Erich nahm daran teil.

Erhitzt und lachend gingen sie wieder zurück. Erich servierte ihnen Stollen mit Butter. Morgen würde er zu Mittag seinen Sohn besuchen, der ihn zum Grünkohlessen eingeladen hatte. Er wohnte ein paar Häuser weiter. Von Grünkohl hatten die beiden noch nie gehört.

Bald war die Zeit so weit fortgeschritten, dass er ein Taxi bestellte und den Fahrer im Voraus entlohnte.

Er ging früh zu Bett und hatte einen seltsamen Traum: Zwei Engel flatterten in der Winterluft wie Schmetterlinge herum und hielten eine Glocke in der Hand. Sie schauten in ein hohes Gebäude hinein und lachten, als sie dort viele Kinder sahen. Eine Kirchturmglocke ertönte und sie hielten im Betrachten inne, Nun begannen sie, ihre eigenen Glocken zu läuten und siehe da, es fiel Schnee aus ihnen heraus. Doch die Flocken verwandelten sich in kleine Konfetti-Sonnenstrahlen. Und diese rieselten auf die Erde und begannen, den Schnee wegzuschmelzen, die Luft zu erwärmen, den Rasen zu begrünen und die ersten Blumen hervorzuzaubern, Und das Läuten hörte nicht auf und läutete in sein Bewusstsein und erschreckt richtete er sich auf.

Die Türglocke klingelte und bestimmt schon länger, denn jetzt meinte er sogar ein Pochen ab der Tür zu hören

„Ich komme ja schon“, er zog sich den Morgenmantel über und schlurfte in Pantoffeln zum Eingang. Ein brummiger Taifahrer stand vor der Tür. „Na endlich, sie haben vielleicht einen gesegneten Schlaf. Diese beiden Damen hier, kennen sie die?“ Hinter ihn standen die beiden Brasilianerinnen, leicht geschürzt in ihren Tanzkostümen, zitternd, viel Bauch war zu sehen, „Um Gottes willen, natürlich kenne ich die, was ist passiert?“

Maria schluchzte. „Wir sind geflüchtet! Unser Agent hat unsere Papiere und unser Geld! Und die warme Kleidung weggesperrt. Zum Glück hatte Dolores ihre Karte in den BH gesteckt. Wir sollten vor ein paar komischen Männern tanzen, das war uns nicht ganz geheuer“

„Na, wenn sie denn für die beiden die Fahrt bezahlen, dann bin ich zufrieden“ brummelte der Taxifahrer. Ich wurde in so ‘ner Spelunke, wo ich einen Besoffenen abholen sollte, von den beiden angefleht. Weiß der Teufel, was die für ‘ne Sprache sprechen, verstehen konnte ich jedenfalls nix Also, die haben immer mit dem Finger auf ihre Visitenkarte geklopft, als wenn es um Leben und Tod ging. Und wenn die zwei so ‘ne Karte haben, wo das hier so ‘ne piekfeine Gegend ist, habe ich erst den Besoffenen nach Hause gebracht und nun bin ich hier. Danke auch fürs Trinkgeld, hat sich wenigstens gelohnt.“

„Kommt erst mal rein und zieht euch was Warmes an, ihr könnt über Nacht hierbleiben und morgen sehen wir dann weiter. So ein Schuft, ich habe schon befürchtet, dass das so was sein könnte. Die Gegend hat nicht den besten Ruf.“

Erich schlief unruhig. Was sollte er machen, was im Interesse der beiden Mädchen wäre? Zuerst die Polizei informieren. Sie postwendend in ihre Heimat schicken? Nein, das wäre nicht in ihrem Sinne, nachdem sie alles zusammengekratzt hatten um hierher zu kommen. An eine seriöse Künstleragentur vermitteln? Er dachte an die Schneeballschlacht. Sie konnten beide gut mit Kindern umgehen, er würde seinen Sohn anrufen. Richard war mit der Kinderfrau, die er jetzt hatte, nicht zufrieden. So als Übergangslösung vielleicht?

Morgens kitzelte ihn der Kaffeeduft in seiner Nase wach. Es roch nach Toast. Er sah die beiden in der Küche hantieren, als er vorsichtig um die Ecke schaute. „Guten Morgen, Herr Rieming. Es ist ein schöner Morgen, die Sonnenstrahlen rieseln auf Hamburg. Der Tisch im Wohnzimmer ist bereits für sie gedeckt. Sie trinken doch Kaffee zum Frühstück?“

Kurz nach seinem Anruf bei seinem Sohn klingelte es. Maria stand hinter ihm, als er die Tür öffnete und seinen Sohn umarmte. Dann drehte er sich um, nahm Maria am Arm und führte sie zur Tür. „Darf ich dir diese bezaubernde Frau vorstellen, mein Sohn?“